Paul Gerhardt, der große Liederdichter, ist vor 350 Jahren (27.05.1676, Lübben/Spreewald) gestorben. So ist dieses Jahr zum Paul-Gerhardt-Jahr erklärt worden: Anlass genug, sich seiner Lieder noch einmal neu bewusst zu werden. Mit bis zu 28/30 Liedern im Gesangbuch (je nach Ausgabe) ist er der am stärksten vertretene Dichter und selbstverständlich heute auch im Gotteslob der katholischen Geschwister präsent.
„Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ (eg 112) – Osterhoffnung zwischen Kreuz, Gegenwart und Verantwortung
„Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ – mit diesem doppelten Ruf beginnt eines der bekanntesten Osterlieder Paul Gerhardts. Es ist kein sanftes Einladen, sondern ein entschiedenes Sich-Aufraffen. Das Herz muss geweckt werden, weil es offenbar müde, beschwert oder erschrocken ist. Schon darin liegt eine tiefe seelsorgerliche Wahrheit: Osterfreude ist keine Selbstverständlichkeit. Sie fällt nicht vom Himmel, sondern entsteht im Widerstand gegen Angst, Leid und Resignation.
Paul Gerhardt dichtet dieses Lied im 17. Jahrhundert, geprägt von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges. Hunger, Tod, politische Willkür und religiöse Spaltungen gehören zur Alltagserfahrung. Gerade deshalb ist sein Osterlied kein billiger Triumphgesang. Es ist eine geistliche Übung gegen die Übermacht der Realität und lädt uns ein, desgleichen zu tun.
Biblisch steht das Lied fest auf dem Fundament von 1. Korinther 15: „Verschlungen ist der Tod in den Sieg.“ Die Auferstehung Christi ist für Gerhardt keine bloße Jenseitsvertröstung, sondern eine Macht, die schon jetzt wirkt. Christus „bricht die Bahn“ – ein aktives, kämpferisches Bild. Der Tod wird nicht ignoriert, sondern überwunden.
Damit steht Gerhardt in der Linie der neutestamentlichen Osterzeugnisse: Auch dort beginnt Ostern nicht mit Jubel, sondern mit leeren Gräbern, Furcht und Unglauben (Mk 16; Lk 24). Freude ist das Ergebnis einer Begegnung – nicht deren Voraussetzung.
Auffällig ist die konsequente Ansprache des eigenen Herzens. Nicht „die Welt“, nicht „die Gemeinde“, sondern mein Herz soll aufstehen. Das ist zutiefst seelsorgerlich. Gerhardt weiß: Der Kampf um Hoffnung entscheidet sich im Inneren.
Viele Menschen heute erleben Ähnliches wie damals – wenn auch in anderen Formen: Erschöpfung, Zukunftsangst, innere Leere, Depression, Ohnmacht angesichts globaler Krisen. Klimakatastrophe, Kriege, soziale Spaltung und politische Radikalisierung hinterlassen seelische Narben. In einer solchen Lage kann man das Herz nicht moralisch zur Freude zwingen. Aber man kann es anreden, ihm eine andere Geschichte erzählen.
Genau das tut dieses Lied: Es konfrontiert das Herz mit einer größeren Wirklichkeit als der augenblicklichen Erfahrung. Nicht das Leid hat das letzte Wort, sondern Christus. Seelsorge bedeutet hier nicht, Probleme kleinzureden, sondern sie in einen größeren Horizont zu stellen.
Ostern ist nicht unpolitisch. Wenn Gerhardt singt:
„Die Hölle und der Tod / sind überwunden“, dann benennt er Mächte, die auch politische Gestalt annehmen: Gewalt, Unterdrückung, Entmenschlichung, das Recht des Stärkeren.
Jetzt da autoritäre Ideologien wieder erstarken, in der Menschenleben gegeneinander aufgerechnet werden und Wahrheit zur Verhandlungsmasse wird, ist die Osterbotschaft eine kritische Gegenrede. Die Auferstehung Christi relativiert alle irdischen Absolutheitsansprüche. Kein System, kein Staat, keine Ideologie darf sich an die Stelle Gottes setzen.
Politisch heißt das: Christliche Hoffnung ist kein Rückzug ins Private. Wer an den Auferstandenen glaubt, kann sich nicht mit Ungerechtigkeit abfinden. Osterfreude wird zur Kraft des Widerspruchs gegen Zynismus und Menschenverachtung. Sie nährt den Mut, für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzutreten – auch wenn Erfolge ausbleiben.
Paul Gerhardts Osterfreude kennt das Kreuz. Gerade deshalb ist sie glaubwürdig. Das Lied verdrängt nicht den Karfreitag, sondern lebt aus ihm. Theologisch gesprochen: Die Auferstehung hebt das Leiden nicht auf, aber sie transzendiert es.
Das entspricht der biblischen Spannung von ‚schon jetzt und noch nicht‘ (Röm 8). Die neue Welt Gottes ist angebrochen, aber nicht vollendet. Christen leben in dieser Spannung – und genau darin bewährt sich Hoffnung als Haltung, nicht als Gefühl.
Seelsorgerlich ist das entscheidend: Wer nicht fröhlich sein kann, scheitert nicht am Glauben. Osterfreude darf auch leise sein, tastend, manchmal nur als Trotz gegen die Dunkelheit.
„Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ ist kein altertümliches Kirchenlied, sondern ein geistlicher Protestgesang gegen Hoffnungslosigkeit – und damit hochaktuell und ein ‚Lebensrezept‘. Es lädt ein, sich dem Leben wieder zuzuwenden – nicht naiv, sondern im Vertrauen darauf, dass Gott stärker ist als alles, was uns niederdrückt.
Vielleicht ist das der wichtigste Impuls für unsere Zeit:
Das Herz darf – und soll – aufstehen. Nicht aus eigener Kraft, sondern weil Christus lebt. Und diese Hoffnung ist größer als unsere Angst.
Es grüß Sie herzlich
Joachim G. Cierpka