Der Bilderfries an der Orgelempore - Die Wolke der Zeugen

Nach der Reformation veränderte sich der Gottesdienstverlauf grundlegend. So wurde auch das Innere unserer Kirche der neuen Gottesdienstordnung angepasst.

Die Predigt erhielt einen hohen Stellenwert. Sie dauerte ungefähr 45 Minuten. Weil man aber im Stehen nicht so lange zuhören kann, kamen Bänke in die Kirche. Als jedoch trotz Anbau des Seitenschiffes die Plätze noch immer nicht ausreichten, wurden zusätzlich erhöhte Sitzplätze – die Emporen – in der Kirche eingerichtet.

Noch heute sprechen wir bei der großen Empore im Seitenschiff von der „Achmer Empore“, weil hier ursprünglich die Menschen aus der Bauernschaft Achmer ihre Plätze hatten.

Die Empore im Westteil des Hauptschiffes, auf der die Orgel steht, bekam einen Bilderfries.

Im Zentrum dieses Frieses steht Christus mit dem Kreuz auf der Weltkugel. Er ist die Mitte der Zeit und der Weltenrichter. „Ihr sollt meine Zeugen sein“ steht auf der Bildtafel.

Links von Christus sind die Jünger angeordnet, rechts die Schar der Propheten des Alten Testamentes und vier weitere bedeutende Männer: Johannes, Mose, Aaron und St. Martin.

Gleich rechts neben Christus steht Johannes der Täufer. Johannes hat auf das Kommen Christi hingewiesen und die Menschen aufgerufen, sich darauf vorzubereiten. Er wird in der Kunst oft mit einem Lamm, das eine Siegesfahne trägt, dargestellt. Dieses Lamm ist ein Symbol für Christus, der zwar wie ein unschuldiges Lamm viel erduldete, aber schließlich Ostern doch gesiegt hat.

Es folgt Mose, der große politische und religiöse Führer Israels, der das Volk aus Ägypten geführt hat. Er ist Richter und Fürbitter des Volkes bei Gott. Durch Mose erhält das Volk Israel von Gott die zehn Gebote. Auf dem Fries hält Mose diese Gesetzestafeln in der Hand.
Danach sehen wir Aaron, seinen Bruder, der Mose geholfen hat, diese großen Aufgaben zu meistern.

Nun kommen die Propheten, Menschen, die in besonderer Weise von Gott beauftragt wurden, seine Botschaften dem Volk mitzuteilen.

Sie werden angeführt von Jesaja, dann schließen sich Jeremia, Hesekiel, Hosea, Joel, Amos und Opatja an. Einige haben Attribute, an denen wir sie erkennen.

Zum Beispiel Daniel mit einem Löwen, der nun folgt. Im Buch Daniel wird diese wunderschöne Bewahrungsgeschichte 

erzählt. Der Prophet wird in eine Löwengrube geworfen. Gott aber schickt seinen Engel, der den Löwen die Mäuler zuhält. Nachzulesen ist diese Geschichte im Alten Testament bei Daniel im sechsten Kapitel.

 

Nach Daniel vervollständigen weitere Propheten das Bild: Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephania, Haggai, Sacharja, Maleachi.

Und am Schluss dieser Reihe ist St. Martin, der Namensgeber unserer Kirche festgehalten – als Soldat, der eine Rüstung trägt.

Wenden wir uns wieder Christus zu. Links von ihm haben sich seine Jünger aufgestellt. Direkt neben ihm steht Simon, der Kanaaniter. Dann kommt Judas Ischariot, ihn erblicken wir seitlich von hinten, wie er sich entfernt – entfernt von Christus. Es folgt, Jakobus mit dem Wanderstab. Zu seinem Grab pilgern bis heute Christen aus aller Welt. Matthäus wird mit Feder und Tintenfass als Schreiber eines Evangeliums gezeigt. 

Thomas, Bartholomäus und Philippus schließen sich an. Als nächstes sehen wir Johannes mit einem Kelch. Jakobus Zepedeus und Andreas mit dem Andreaskreuz und Petrus mit einem Schlüssel beenden die Reihe.

Bei der Umgestaltung der Kirche nach der Reformation war es der St.-Martin-Gemeinde damals sehr wichtig, auf diese hier abgebildeten Menschen hinzuweisen, die durch die Jahrhunderte ihre Gotteserfahrungen weitergegeben haben. Sie haben gemahnt, gelockt und geworben, am Glauben zu Gott festzuhalten. Sie haben immer wieder verkündet, dass Gottes Liebe bleibt, auch wenn wir Menschen seine Liebe nicht erwidern und uns von ihm abwenden. Darum ist sein Gericht über uns keine Vernichtung, sondern eine Brücke hin zu ihm.

Im Hebräerbrief (Kap. 12, 1) werden sie „die Wolke der Zeugen“ genannt.

Insbesondere von den Propheten sind uns markante Bibelstellen überliefert, die oft als Tauf-, Konfirmations- oder Trausprüche übernommen wurden. Vielleicht schauen Sie einmal nach Ihren persönlichen Sprüchen und suchen sie in der Bibel. Es ist sehr interessant zu sehen, in welchem Zusammenhang sie stehen.