Karfreitag

von Superintendent Hans Hentschel

Gottesdienst am Karfreitag

in der St. Martin Kirche von Bramsche

gehalten von Superintendent Hans Hentschel und Mitarbeitenden 

 

Glockenläuten (Glocke I die Totenglocke)

Lesung aus der Passionsgeschichte

Hille: Pilatus überantwortete Jesus des Leuten, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Löschen der Kerzen auf dem Altar

Orgelinstrumental ‚Jesu, meine Freude …‘

Verlöschen der Kerzen

Hella: Die erste Kerze brennt und sie brennt für den Willen Gottes zur Liebe in aller Welt. Menschen sollen zusammenrücken und sich auf der einen Erde unseres Gottes als zur eine Welt gehörend empfinden. Menschen sollen von Gottes Liebe brennen. Das ist nicht so. Und darum verlöscht diese Kerze.

Vanja: Die zweite Kerze brennt und sie brennt als Erinnerung an den Ruf Jesu: Folge mir nach! Menschen sollen sich als Heiler erweisen in den Nöten, die andere erleiden und erdulden. Menschen sollen zu anderen gehen und weniger auf das Eigene sehen. Stummen sollen sie Sprache geben, Blinden sollen sie Augen sein und Lahmen die Beine ersetzen. Das ist nicht so. Und darum verlöscht die Kerze.

Leonie: Die dritte Kerze brennt im Namen des Heiligen Geistes, der dem Bösen und dem Terror Einhalt gebietet. Menschen sollen keine Freude am Tod Unschuldiger haben, sie sollen die Waffen nicht auf Kinder und Greise, Kranke und Entwurzelte richten. Menschen sollen mit dem Namen Gottes auf den Lippen nicht das Böse tun. Das ist nicht so. Und darum verlöscht die Kerze.

Hella: … und obwohl so viele Hoffnungen für diese Welt und in dieser Welt immer wieder sterben, und obwohl unser Bruder Jesus Christus heute stirbt, und obwohl Kreuze unser Leben umgeben sind wir zusammen gekommen, weil der Glaube nicht tot zu kriegen ist, dass Gott als Vater unser Leben begleitet, dass Jesus als Sohn den Tisch der Liebe Gottes nicht verlässt und dass der Heilige Geist uns nach Ostern schicken wird. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Hannes (von der Kanzel): Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!

Kantorei: So liebt Gott die Welt (Chilcott)

Andrea (liest)

Du schöner Lebensbaum des Paradieses,

gütiger Jesus,

Gotteslamm auf Erden.

Du bist der wahre Retter unsres Lebens,

unser Befreier.

Nur unsretwegen

hattest du zu leiden,

gingst an das Kreuz

und trugst die Dornenkrone.

Für unsre Sünden

musstest du bezahlen

mit deinem Leben.

Du schöner Lebensbaum des Paradieses,

gütiger Jesus,

Gotteslamm auf Erden.

Du bist

der wahre Retter

unsres Lebens,

unser Befreier.

Liedruf EG 96, 5 + 6 ‚Wenn sich die Tage unsres Lebens neigen …‘

Gebet: Wir beten unter dem Kreuz Christi: Barmherziger Gott und Vater, du hast deinen Sohn Jesus Christus nicht verschont,  sondern ihn für uns alle in den Tod gegeben. Wir bitten dich: Lass uns im Leben und Sterben darauf vertrauen und ihm nachfolgen. Wir schauen auf das Kreuz. Wir sehen Jesus leiden und sterben: Jesus, für uns in den Tod gegeben.

Wir bitten: Gott, hilf uns, das Wort vom Kreuz zu hören und anzunehmen. Herr Jesus Christus, du hast aus Liebe den Tod auf dich genommen, wir bitten dich: Lass uns heute und alle Tage bei dir bleiben und aus deiner Liebe leben. Mit dem Vater und dem Heiligen Geist sei dir Ehre in Ewigkeit. Amen

Kantorei: Das Kreuz ist Jesus Christus …

Predigt

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König.

 

INRI – Viele wissen es längst. Diese vier Buchstaben stehen auf einer Tafel, die am Kreuz angebracht ist.

Während der langweiligen Predigten meiner Konfirmandenzeit – sie waren wahrscheinlich nicht wirklich langweilig, aber für Konfirmanden sind wohl bis heute viele Predigten langweilig! – während ich also während des Gottesdienstes auf der Konfirmandenbank saß, und es irgendwie nicht immer ‚mitkam‘, was da gepredigt wurde, haben mich diese Buchstaben oft auf Fantasiereisen geschickt.

Ich sitze da, schaue auf den gekreuzigten Christus am Altar, wundere mich über dieses Tuch um seine Hüften, sehe die Nägel in den Händen und überkreuzgelegten Füßen, buchstabiere das Schild: INRI … 

Ingolstadt und Rinteln …

Ich rufe nach Ingrid … (Ingrid war die Sekretärin meines Vaters)

Mein Freund Hanke machte daraus: ‚Jesus Nennt Reichtum Irrsinn‘.

Natürlich weiß ich, dass das eigentlich lateinische Anfangsbuchstaben sind. Und das ist auch einleuchtend denn Pilatus war Römer und hatte Latein als Muttersprache.

Ein ‚J‘ gab es in dieser Sprache nicht und darum heißt es eigentlich Iesus Nazarenus Rex Judorum. Heißt: Jesus aus Nazareth König der Juden.

INRI!

Und das steht am Kreuz und die Leute sagen: ‚Hey Pilatus, das ist missverständlich. So könnte man es tatsächlich glauben, dass der der König der Juden war. Schreib besser: Er hat es von sich behauptet!‘

2. Jesus ein Hochstapler? Jesus hat vieles gesagt, was als Behauptung stehen bleiben könnte.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben     

Ich bin das Licht der Welt

Ich bin das Brot des Lebens

Ich bin der gute Hirte

… und bis heute sagen manche Leute, wenn diese Worte von Christenmenschen als Wahrheit angenommen und ausgesprochen werden. ‚Tut doch nicht so, als wäre das Tatsache!‘ Und wir Christenmenschen sagen: ‚Was wir glauben, glauben wir‘. So wie Pilatus sagt: ‚Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.‘

Dürfen wir über dem Karfreitag heute im Indikativ schreiben: ‚Dies ist der Tag, an dem Gott stirbt!‘ oder müssen wir auf die Leute hören, die sagen: ‚Es wird gesagt, dass an diesem kirchlichen Feiertag Gott am Kreuz gestorben ist.‘ Dahinter verbirgt sich ja die skeptische Ahnung, dass das unter Umständen auch gar nicht wahr sein könnte, eben nur so ein Sagen, so eine Behauptung, eine Legende. 

Wir Christen haben auf diese Skepsis eine Antwort: Klar! Gott stirbt heute. Trotz einer Bewegung, die dem Karfreitag die Schwere nehmen will, trotz Radtour und Grillangebot, trotz eines besonders österlichen Fernsehprogramms, trotz kilometerlangen Ferienstaus auf deutschen Autobahnen gilt, was wir glauben: Gott stirbt heute!      

Tatsächlich!

Doch weil wir alle wissen, dass Gott dennoch lebt, will ich diesen Satz nicht unerklärt lassen, will ich klarstellen, was ich meine: Mit Christus stirbt heute ein Gott, von dem man annehmen könnte, dass er unbeeindruckt von den Dingen der Welt seine Existenz feiern lässt.

Manche Menschen sehen Gott fern von der Welt, umkleidet mit dem Nimbus des Überirdischen und darum auch des Unwirklichen.

Dieser Gott ist tot, - unwiederbringlich tot - der unangetasted vom Leben in der Welt bleibt.

Der Gott ist tot, der unverbeult gepredigt wird, der keine Blessuren trägt, die ihm eine Gesellschaft zufügt, in der die Nächstenliebe oft genug als ‚Gutmenschentum‘ abgetan wird.

Am Karfreitag stirbt das irre Gottesbild, das eigentlich an keiner Stelle in der Bibel seine Begründung findet und doch so oft gebraucht wird, dass es zu einem Gott gehört, keinen Sinn für menschlichen Zweifel zu haben und in jeder Situation der Herr der Lage zu sein.  

Am Karfreitag stirbt die Vorstellung von Gott, dass er meilenweit über der Welt in einem bequemen Himmel die Füße hochlegt und bedauernd mit den Schultern zuckt oder die Augenbrauen hochzieht, wenn im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken oder in Indonesien tausende Menschen vom Tsunami weggewischt werden.

Karfreitag stirbt mit Jesus der Gott, der sich als allmächtiger Sieger nur noch Scheinkämpfe mit den Mächten des Bösen, mit der Niedertracht, mit der Gewalt oder den Katastrophen im Großen wie im Kleinen liefert, um dann das von Vorneherein schon angelegte Happy End zu feiern. Gott weiß seit Karfreitag ebenso wie wir Menschen: man kann auch unterliegen! … und er unterliegt den Leuten, den Römern, Pilatus … denen, die ihn ans Kreuz nageln.

Am Karfreitag stirbt in Jesus auch der Gott, der sich durch eine Institution vertreten lässt, in deren Namen Schreckliches geschah und in deren Reihen Widerwärtiges passierte.

Und … wir müssen eines auferstandenen Gottes warten, der sich in die Niederungen menschlichen und irdischen Lebens hinein verkündigen lassen will und dem der Sperling unter dem Himmel wichtiger ist als die Verherrlichung seines Namens in prächtigen Kirchen. Wir müssen eines auferstandenen Gottes warten, dem das Leben des kleinsten unter den Menschen wichtiger ist als die kulturelle Bedeutung einer niedergebrannten Kirche in Mitten von Paris.

Mit Mühe sammelt BROT FÜR DIE WELT Geld gegen den Hunger im Jemen(67 Mio. im Jahr 2017)  und das Diakonische Werk Spenden für den Wiederaufbau in Mosambik nach dem Wirbelsturm IDAI, mit Mühe werden 68 aus dem Mittelmeer aufgefischte Flüchtlinge in sechs europäischen Ländern nach tagelanger Odysse auf dem Meer untergebracht und noch am selben Tag werden nach dem Brand von Notre Dame einfach mal  so bis heute 900 Millionen Euro für den Wiederaufbau gespendet. Der Gott, der sich über diese 900 Millionen ungetrübt freut, ist Karfreitag gestorben.

Eine Welt am Kreuz, deren Elende und Arme, deren Flüchtlinge und Einsame rufen: ‚Mich dürstet‘ … nach neuer Gerechtigkeit, nach Liebe, nach Mitleid wird oft genug bis heute der Essig gereicht. Und es ist bitter zu spüren, dass ein Kulturdenkmal Europas den Reichen dieser Erde mehr wert ist als das Elend der Menschen.

3. Ja! Der gekreuzigte Gott wird auferstehen.

Das wissen wir im Glauben und wir nehmen das als österliche Vorfreude wahr.

‚Ich glaube an die Auferstehung des Christus. Ich glaube an die Auferstehung der Toten!‘

Aber: es ist nicht der von bis heute Vielen missverstandene Gott, der aufersteht, der sich in gotische Hallen kleidet und in protzigen Bauten birgt, sondern es ist der Gott, der da zu erkennen ist, wo Liebe zur Tat wird.

Und dass uns das immer noch zu selten gelingt – na klar, manchmal gelingt es ja! - .. und dass uns das zu selten gelingt, dass der Gott unser Gott ist, der uns nach der verweigerten oder der getanen Liebe richtet, das beweinen wir am Karfreitag unter dem Kreuz. Naja! Nicht gerade ‚beweinen‘ aber ‚bedenken‘ …

Angefangen hat es mit Pilatus, der eine Inschrift über das Kreuz setzen lässt, das in unseren Kirchen steht: INRI

Der gekreuzigte Christus, Gott in Christus, stirbt heute … und wir wissen heute schon um die Auferstehung. Die aber kommt erst am dritten Tage.

Dann wird Christus auferstehen. Er wird wieder da sein.

Da sein in den Taten unserer Liebe, zu denen er uns als der wahrhaftig Auferstandene ermutigt. Amen                 

Lied freiTÖNE 140, 1 - 3 ‚Dieses Kreuz vor dem wir stehen …‘ 

Abkündigungen

Kantorei: Crucifixus  

Glaubensbekenntnis

Lesung aus Psalm 31

Herr, auf dich traue ich,  lass mich nimmermehr zuschanden werden,  errette mich durch deine Gerechtigkeit!

Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!  sei mir ein starker Fels  und eine Burg, dass du mir helfest!

Lied EG 396, 1 ‚Jesu, meine Freude …

Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen  wollest du mich leiten und führen.

Du wollest mich aus dem Netze ziehen,  das sie mir heimlich stellten;  denn du bist meine Stärke.

In deine Hände befehle ich meinen Geist;

du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.

Lied EG 396, 2 ‚Unter deinem Schirmen …‘

Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,  dass du mein Elend ansiehst  und nimmst dich meiner an in Not

und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;  du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Lied EG 396, 3 ‚Trotz dem alten Drachen …‘

Ich aber, Herr, hoffe auf dich  und spreche: Du bist mein Gott!

Meine Zeit steht in deinen Händen. 

Lied EG 396, 4 ‚Weg mit allen Schätzen …‘

Errette mich von der Hand meiner Feinde  und von denen, die mich verfolgen.

Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht; hilf mir durch deine Güte!

Lied EG 396, 5 ‚Gute Nacht, o Wesen …‘

Herr, auf dich traue ich,  lass mich nimmermehr zuschanden werden,  errette mich durch deine Gerechtigkeit!

Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!  sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Lied EG 396, 6 ‚Weicht, Ihr Trauergeister …‘

Hans: Jesus Christus, wir danken dir, dass du deinen Weg an das Kreuz von Golgatha gehst, um unser Leben zu gewinnen. Wir bitten dich, lehre uns deinen Ruf in die Nachfolge zu hören, der uns auf die Seite der Schwachen in dieser Welt stellt.

Andrea: Lass uns erkennen, dass unser Leben gerettet ist, weil wir dann Freude daran haben werden, auch das Leben anderer zu retten. Weil du im Gehorsam deinen Weg durch das Leiden hindurch gehst, können wir frei und begnadigt vor Gott, deinem Vater, unserem Herrscher stehen.

Hannes: Hilf uns, dass dieser Tag von uns in seiner Besonderheit wahr genommen wird und dass wir uns auch dann auf deine Nähe verlassen können, wenn uns alle Welt weismachen will, dass du weit weg bist.  Das bitten wir unter dem Kreuz, an dem du stirbst und wir beten mit den Worten, die du einst deinen Jüngern selbst als Gebet lehrtest:  

Vaterunser

An einem Tag im Kirchenjahr gehen wir ohne Segen aus der Kirche. Das heißt nicht, dass wir unbegleitet von Gott sind, aber es trägt dem Charakter dieses Tages Rechnung, der seinen Segen erst von Ostern her beziehen wird. Karfreitag geht ohne Ostern nicht auf. So schickt uns dieser Tag auf den Weg nach Ostern, das unser Herz tröstet und fröhlich macht.