Predigt zur Jahreslosung 2019

von Superintendent Hans Hentschel
Jahreslosung 2019

Suche den Frieden und jage ihm nach …

das ist die Jahreslosung für das Jahr 2019 und bei dieser Jahreslosung will ich bleiben.

Dazu habe ich Ihnen ein Bild gemalt. Ein Gärtner oder eine Gärtnerin geht mit einem Baumsetzling auf die Welt zu, die Sie im Hintergrund sehen. In diesem Baumsetzling – das ist nicht gut zu erkennen, dafür muss man schon genauer hinschauen - … in diesem Baumsetzling nistet eine weiße Taube. Eine Friedenstaube …

Die Gummistiefel an den Füßen und der Spaten in der Hand der Gärtnerin verraten, dass das Pflanzen des Baumes mit Arbeit verbunden ist.

Wer den Frieden in der Welt pflanzen will, darf keine Angst davor haben, dass es Arbeit bedeutet.

Ich habe gemeinsam mit einer Bibelstundengruppe in einer der Gemeinden des Kirchenkreises über die Jahreslosung nachgedacht und ich habe mir einige Sätze aufgeschrieben, die aus der Gruppe ‚brainstormartig‘ zum Thema Frieden kamen.

‚Frieden suchen ist Arbeit …‘ sagte eine 64jährige Bäuerin, die mit drei Generationen im Haus lebt. ‚Das können sie mir glauben,‘ sagt sie. ‚Eine 15jährige Enkelin und ein Schwiegertochter im Haus, da ist es überaus leicht Streit zu finden. Ich sage meiner Enkelin: ‚Deine Hose ist an den Knien kaputt! So kannst du nicht losgehen!‘ Meine Enkelin sagt: ‚Das ist heute modern, Oma.‘ Ich sage: ‚Eine kaputte Hose ist noch nie modern gewesen!‘ Meine Schwiegertochter sagt: ‚Halt dich da raus! Davon verstehst du nichts!‘ Meine Enkelin sagt: ‚Oma, dafür bis zu alt!‘ Und ich sage besser nichts mehr, denn sonst knallt es. ‚Eine der leichtesten Übungen ist es Streit zu finden! Frieden halten, ist manchmal ganz schön schwer.‘

Ich stimme der Frau zu.

Streit ist schnell zu haben.

Neulich war ich mit dem Fahrrad in Osnabrück unterwegs. De Stadt war – wie man so sagt – zu. Ich ziehe an den schlagebildenden Autos rechts vorbei und als ich zum Schloss abbiegen will, kommt eines der eben von mir noch  - zugegebenermaßen - frech überholten Autos zum Stehen. Der Fahrer lässt sein Beifahrerfenster runter und brüllt – ja, man muss wohl sagen – brüllt: ‚Du suchst wohl Streit, du Blödmann!‘ Gott sei Dank wird es grün. Ich fahre weiter, weiß nicht, was der Fahrer wollte, aber wenn ich gewollt hätte, hätten wir hier wunderbar einfach Streit gefunden. Ich gebe zu: ich musste mich ein wenig zusammenreißen, um nicht zurückzurufen – wie wir es als Kinder taten -: ‚Selber Blödmann, du Blödmann!‘

Es kostet mich Mühe, mein ‚Maul im Zaum zu halten‘.

Jetzt müsste ich mir mantramäßig vorsagen: ‚Suche den Frieden und jage ihm nach …‘.

Und da sagt in der Bibelgesprächsgruppe ein pensionierter Lehrer: ‚Den Frieden zu versuchen, ist mühsam. Es geht dabei noch nicht mal ums Suchen, sondern ums Versuchen. Denn oft gelingt es ja gar nicht.‘

Und eine Frau – ich schätze Mitte 40, ich kenne nicht jeden in der Runde – meint: ‚Ich entdecke immer wieder, dass es nötig ist, selbst zufrieden zu sein, mit dem was man hat, um auf die eine oder andere Weise ‚friedlich‘ leben zu können. Was ich meine ist, dass Unzufriedenheit mit der eigenen Situation irgendwie schnell dazu führt, dass man gegen andere aggressiv wird und dass man dann schneller streitet.‘

Einer sagt: ‚Ich denke in diesen Situationen, in denen du jemandem am liebsten einen auf die Nase hauen willst, an Martin Luther King oder an Ghandi. Gewalt ist nie eine Lösung, haben die doch gesagt.‘

Frau Sowieso, die ich gut aus dem Kirchenkreistag kenne sagt: ‚Dafür muss ich nicht an Ghandi oder Martin Luther King denken. Ich habe immer noch meinen Konfirmationsspruch gerahmt in der Stube hängen und da hat mir der Pastor damals den Satz mitgegeben: ‚Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen.‘ Das ist aus der Bergpredigt und Jesus hat es gesagt. Der hätte sowas bestimmt nicht gesagt, wenn es einfach wäre, den Frieden zu halten oder wie es in der Losung heißt: Den Frieden zu suchen!‘

Und meine Gedanken schweifen jetzt ab. Ich denke daran, dass meine Großeltern im Januar 1945 vor dem Krieg aus Schlesien flüchten mussten. Mein Opa verlor auf dem Treck den Verstand.

Meine Mutter verbrachte große Teile ihrer Kindheit im Keller eines Hauses am Taubenfelde in Hannover wenn die Bomben fielen. Zeit ihres Lebens hat sie Angst vor Knallern und Feuerwerk behalten.

Und in einem gewaltigen gedanklichen Zeitsprung denke ich an Donald Trump, Wladimir Putin, Kim Il Jung, Recep Tayyip Erdogan und all die anderen, die plötzlich wieder in aufrüstende kriegerische Stimmungen geraten und ich denke daran, dass hier in Europa ein paar Brüssler Vorschriften das ganze gewachsene Friedensgebilde EU ins Wanken bringen können, weil plötzlich Nationalstaatlichkeit wieder mit riesengroßen Buchstaben geschrieben wird.

Und dann werde ich von der Gesprächsrunde wieder eingeholt.

‚Das wichtigste Gebet überhaupt finde ich ‚Verleih uns Frieden gnädiglich …‘ sagt ein Kollege, der schon viele Jahre im Ruhestand ist. Und dann ist es ganz still in der Runde und alle warten darauf, dass er noch was sagt, aber er sagt nichts mehr, außer: ‚Ich meine Franz von Assisi betet: O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens.‘

Da haut der pensionierte Lehrer auf den Tisch und sagt: ‚Das ist überhaupt das ganze Elend. Von Gott wird heutzutage viel zu viel in kriegerischen  Zusammenhängen gesprochen. Ohne Religion – sagen manche – wäre der Frieden viel leichter. Sogar die Christen untereinander kriegen sich ja dauernd an die Köppe. Katholiken gegen Protestanten, Großkirchen gegen Freikirchen und so weiter und so fort.‘

‚Zumindest das stimmt nicht,‘ sage ich jetzt. ‚es gibt wunderbare Beispiele von ökumenischem Gelingen. Bei uns in Bramsche zum Beispiel. Wir leben nach dem Motto: Christus ist unser Friede! Und selbst wenn wir in Äußerlichkeiten und auch an empfindlichen theologischen Punkten anderer Meinung sind, ziehen wir gemeinsam am Strang der Erkenntnis, dass Christus groß gemacht werden muss. Der Christus, von dem die Engel singen: ‚Nun soll es werden Frieden auf Erden …‘.

‚Ach ja, Frieden auf Erden,‘ mischt sich jetzt eine wirklich alte Dame ein, die bisher die Diskussion ohne Wortmeldung verfolgt hatte. ‚Das ist mir alles zu groß und zu weit weg. Nicht, dass es mich nicht interessieren würde und es zerreißt mir das Herz wenn ich in HEUTE diese kaputten Städte in Syrien sehe oder wenn dieser Trump eine Mauer gegen die Armut bauen will oder wenn sie überall in Afrika aufeinander schießen und sogar Kinder als Soldaten einsetzen … aber einer meiner Enkel zum Beispiel geht auf jede Demo, wo es um Frieden geht und hat sogar in Berlin gezeltet aber mich hat er seit Jahren nicht besucht. Frieden mit mir will er nicht.‘

Und wie diese Dame so redet und dabei Tränen in den Augen hat, fällt es mir plötzlich ganz leicht, diese Jahreslosung aus dem Hebräerbrief aus der weiten Welt herauszuholen und in die Mitte meines und eines Bramscher Alltages zu stellen.

‚Suche den Frieden und jage ihm nach …‘

Dieses Bibelwort erlaubt es nicht, über das neuerdings wieder anfangende Wettrüsten zu philosophieren oder Kim Il Jung Schuld an Unfriedensstimmung zu geben oder Doanld Trump oder Wladimir Putin oder Sebastian Kurz oder Wemauchimmer … Dieses Bibelwort meint unmittelbar mich.

Und ich sage es auch in der Runde.

‚Wir müssen wohl alle spüren, dass Frieden an unseren Tischen daheim gepflanzt wird, und werden uns an unsere eigene Nase fassen wenn wir wieder mal gegen einen anderen aus der Haut fahren. Und wahrscheinlich müssen wir noch sehr viel deutlicher singen und sagen – auch über Weihnachten und Advent hinaus: ‚Komm, o mein Heiland Jesus Christ …‘ denn von diesem Jesus bekennen wir, dass er ‚unser Friede‘ ist‘.

Wie so oft wenn man als Pastor grundsätzliches sagt, schweigen jetzt alle und dann sagt die alte Dame aus Luthers Katechismus daher: ‚Was heißt denn tägliches Brot?‘ ‚Alles, was not tut für Leib und Leben … gute Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht …‘.

Und da denke ich: ‚Klar! Martin Luther rechnet den Frieden unter das tägliche Brot, von dem wir im Vaterunser bitten: Unser tägliches Brot gib uns heute …‘.

Und da fällt mir der Mann aus der Fußgängerzone ein, den ich zum Gottesdienst einlud und der mir antwortete: ‚Bedauere, ich bin zu sehr mit Broterwerb beschäftigt!‘

So geht es wohl vielen Menschen in unserem Land.

 Sind zu beschäftigt mit Broterwerb und meinen, keine Zeit für Christus zu haben.

Aber Christus ist unser Friede und den Frieden zu erwerben, dem Frieden nachzujagen, der bei Christus zu finden ist, das ist das, was die Jahreslosung fordert. Amen