Gottesdienst am 20. Januar 2019

von Superintendent Hans Hentschel

Gottesdienst am 20. Januar 2019

mit Predigt zu Römer 12, 9 – 16

gehalten in der St Martin Kirche Bramsche

von Superintendent Hans Hentschel

 

Orgelvorspiel

Begrüßung

Kerzenanzünden

Eine/r: Ich zünde die erste Kerze an. Sie steht dafür, dass die Menschen, die zu Gott gehören, das Böse hassen und dem Guten folgen wollen. Gott will nämlich, dass alle Menschen in Frieden und Gerechtigkeit leben. Diese Kerze brennt und erinnert an den Willen Gottes.

Eine/r: Ich zünde die zweite Kerze an. Sie steht dafür, dass die Menschen, die zu Jesus gehören, sich als Schwestern und Brüder sehen sollen. Gastfreundschaft soll sie auszeichnen und sie sollen sich untereinander segnen. Diese Kerze brennt und erinnert an den Willen Jesu.

Eine/r: Ich zünde die dritte Kerze an. Sie steht dafür, dass die Menschen, die vom Heiligen Geist getrieben werden sich weder von den Freuden noch von den Leiden der anderen Menschen unbeeindruckt zeigen sollen. Das Gefühl zusammenzugehören, selbst wenn man einander fremd ist, soll sie prägen. Diese Kerze brennt und erinnert an den Willen des Heiligen Geistes.

Eine/r: Drei Kerzen brennen und sie sagen uns: Wir sind zusammen im Namen des Vaters uns des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen    

Lied EG 445, 1 – 4 ‚Gott des Himmels und der Erden …‘

Psalm EG 748

Kyrie eleison  …

Christe eleison …

Kyrie eleison  …

Ehre sei Gott in der Höhe … 

Der Herr sei mit euch …

Tagesgebet

Schriftlesung aus 2.Mose 33, 18 - 23

Hannes Wasmuth: Die Lesung aus dem Alten Testament erzählt davon, dass Gott sich nicht anschauen lassen will. Sein Bild bleibt den Menschen verborgen. Auf die Bitte des Mose hin, dass er Gott sehen möchte, verweigert Gott dem Mose das und erklärt, dass man Gott vor allem in der Rückschau sehen kann. Ich lese aus dem 2. Buch Mose im 33. Kapitel die Verse 18 bis 23.

Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Selig sind die, die das Wort Gottes hören, es in ihrem Herzen bewegen und dann auch tun. Halleluja!

Glaubensbekenntnis

Lied EG 262, 1 – 5 ‚Sonne der Gerechtigkeit …‘

Predigt

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.

Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Liebe Gemeinde,

da stehe ich im Hausflur, nachdem ich geklingelt habe, wurde eingelassen von einer jungen Frau, sage: ‚Ich wollte Ihre Mutter gern zum Geburtstag besuchen.‘ Die junge Frau lässt mich im Flur stehen, bittet um ein wenig Geduld: ‚Ich hole meine Mutter.‘ Ich sehe mich im Flur der kleinen Wohnung um, mächtiger antiker Schrank mit Jagdmotiven, Schirmständer mit zwei Regenschirmen und einem Krückstock, riesiges golden gerahmtes Bild mit zwei Kindern, die von einem Engel über eine Planke geleitet werden, die über einer Schlucht liegt, und daneben ein gerahmter Spruch an der Wand: Zuhause ist, wo die Liebe wohnt, Erinnerungen geboren werden, Freunde immer willkommen sind und jederzeit ein Lächeln auf dich wartet.

Ein anderer Hausbesuch. Ich klingele, ein Kind macht auf, brüllt nach hinten: ‚Oma, ein Mann mit einem Bart, der keiner ist! Für dich!‘ Aus einem der hinteren Räume: ‚Lass ihn rein, das ist der Pastor!‘ Der Junge lässt mich rein und sagt: ‚Warte hier!‘ Ich stehe im Flur, Bobbycar, Kinderwagen, Fahrrad mit Stützrädern, Anoraks und Gummistiefel und ein Spruch an der Wand: Gott bewahre uns vor einem bösen Nachbarn und einem Anfänger im Geigenspiel.

1. Seit fast vierzig Jahren sammle ich diese Sprüche in meinem Tagesbuch, das immer dabei ist, wenn ich Dinge aufschreiben muss, die zu erledigen oder aus anderen Gründen wichtig sind.

Oft sind es dieselben Sprüche, die mir an den Wänden jener begegnen, die ich aus unterschiedlichen Gründen besuche.

‚Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.‘ In Bronze gegossen mit hervorgehobenen Buchstaben, auf Holz in Schönschrift geschrieben. Sehe ich häufiger …

Oder: Du glaubst der Jäger sei ein Sünder, weil selten er zur Kirche geht. Ein off‘ner Blick zum Himmel ist besser als ein falsch Gebet. Dieser Spruch steht meistens auf einer Baumscheibe, ein paar aufgemalte Fichten und oft auch noch ein Mann in Grün mit Hund.

Solche Haussprüche verraten mir manchmal etwas über die Bewohner.

Und schon oft habe ich eine Erinnerung an einen solchen im Flur hängenden Spruch genutzt, um eine Trau-, Tauf- oder sogar Beerdigungsansprache zu beginnen.

Neulich kam ein neuer Spruch dazu. Da hing im Flur einer kleinen Wohnung eines alten Herrn ein Frühstücksbrett an der Wand, stand drauf: ‚Irgendwas ist immer!‘

Ich erzähle Ihnen das so ausführlich, weil ich finde, dass der Predigttext von heute irgendwie auch daherkommt wie ein Hausspruch oder besser wie eine ganze Sammlung von Haussprüchen.

Da schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief im 12. Kapitel eines meiner Meinung nach der schönsten Stücke Bibel und beschreibt darin die Tugenden der Menschen, die ein christliches Leben führen wollen: 

Die Liebe sei ohne Falsch.

Hasst das Böse, hängt dem Guten an.

Geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich.

Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

Nehmt euch der Nöte der Menschen an.

Übt Gastfreundschaft.

Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.

Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

Seid eines Sinnes untereinander.

Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.

Haltet euch nicht selbst für klug.

Das ist wie eine Ansammlung von Ratschlägen für christliches Leben ,aber – ehrlich gesagt – ich finde es bis auf den Satz mit dem beharrlichen Gebet und dem Segen, den wir anderen zukommen lassen sollen, auch eine gute Haustafel für menschliches Leben generell.

Das verdanken wir dem Paulus auch, dass das Christentum als ‚vernünftige Religion‘ in unsere Welt passt. Paulus wird gern als der erste große Denker des Christentums gesehen. Er hat sozusagen all diese Geschichten, die er von Jesus gehört hat und seine Predigten, die er erzählt bekommen hat, in ein denkerisches System gebracht.

Paulus konnte nicht wie wir in den Evangelien lesen und sich von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erzählen lassen, wie es um diesen Jesus in seiner Umwelt stand, sondern er war darauf angewiesen, dieses alles vom Hörensagen umzusetzen. Paulus schreibt an die Römer in den 50er Jahren des ersten Jahrhunderts und erst zwanzig Jahre später entsteht das erste Evangelium nach Markus.

Und wenn wir diese Verse aus dem Römerbrief lesen, dann kann uns das nicht unberührt lassen, dass hier der große Theologe ganz geerdet das in einen Brühwürfel fasst, was unseren Glauben im Alltag funktionstüchtig und wirksam in der Welt werden lässt.

Brühwürfel – manche werden sie noch kennen!

Da hast du ein kleines zuckerstückgroßes zusammengepresstes Etwas und wenn du es in kochendes Wasser legst, dann wird daraus eine schmackhafte Brühe.

Manchmal werde ich gefragt, wie christlicher Glaube sich den lebendig zeigen kann und das findet sich hier in diesem Text.

2. Ich hatte in der Bibelstunde mal angekündigt, dass wir im kommenden Jahr einen Paulusbrief lesen wollten und es gab so ein kollektives Aufstöhnen. ‚Ahhh! Der ist immer so schwer zu verstehen! Der macht so lange Sätze! Der ist so intellektuell!‘

Und hier in diesem Text: Nichts da! Gut zu verstehen. Darüber braucht man im Grunde nicht zu predigen. Das könnte Grundlage für ein Konfirmandenunterrichtsmodell sein oder einen Glaubenskurs für Erwachsene.

Wir unterhalten uns mal darüber was es denn heißt: Hängt dem Guten an …

Lasst uns mal bedenken, was es heißt: Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt als Christen …

Schon mal überlegt: Welche Gebete sollte man eigentlich beharrlich sprechen …

Ja, ich finde es zuweilen auch beschwerlich, den Paulus zu lesen, aber die Gemeinden, an die er damals schrieb, haben seine Briefe verstanden, weil sie logisch waren, weil sie alltagstauglich etwas über christliches Leben zu sagen hatten.

Stellen Sie sich mal vor, im Hauseingang zum Weißen Haus würde als Hauspruch stehen: ‚Nehmt euch der Nöte der Menschen an. Übt Gastfreundschaft!

Oder in Downing Street 10 würde man den Rat finden: ‚Geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich. Seid eines Sinne untereinander!‘

Oder in Dieter Bohlens Haus – Chefruntermacher bei Deutschland sucht den Superstar - steht es schwarz auf weiß: ‚Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor!‘       

Oder an der Wand im Zimmer unserer Konfirmanden hängt es geschrieben: ‚Seid nicht träge in dem, was Ihr tun sollt!‘

Oder wenn das der ehrenwerte Herr Mensching in seinem Flur stehen hätte: ‚Haltet euch nicht selbst für klug…!‘

Herr Mensching ist im Kirchenvorstand seiner Kirchengemeinde Ewersum und keiner kann ihn leiden, weil er alles besser weiß. Egal, mit welchen Vorschlägen man kommt: der ehrenwerte Herr Mensching weiß schon, wie das ausgeht.

‚Das geht so nicht …‘

‚Das wird so nichts …‘

‚Das können‘Se getrost vergessen …‘

‚Leider haben Sie keine Ahnung davon …‘

‚Man müsste ja blöd sein, wenn man das machen würde …‘

So gehen die Sätze des ehrenwerten Herrn Mensching los, wenn darüber im Kirchenvorstand gesprochen wird, mit welchen Plänen man sich beschäftigen möchte.

Dass der ehrenwerte Herr Mensching klug ist, daran zweifelt niemand. Schließlich war er stellvertretender Direktor des Philipp Melanchthon Gymnasiums in der Kreissttadt. Dass er sich selbst für klug hält, daran zweifelt auch niemand und als ihn deswegen mal jemand als ‚Klugscheißer‘ bezeichnet hatte, der immer alles besser wissen will, hatte der Pastor Hannes Dahlmeier zwar gelächelt aber ermahnt. ‚So reden wir nicht übereinander. Nennen wir ihn doch lieber ‚ehrenwert‘ …‘, weil er sich selbst so sehr verehrt.‘

Und als der Pastor mal über diesen Bibelvers aus dem Römerbrief eine Zeitungsandacht schreibt, schreibt er: ‚Der Apostel Paulus schreibt: Haltet euch nicht selbst für klug! Damit ist nicht gemeint, dass man sich für dumm halten soll, sondern damit ist gemeint, dass man es nicht verlernt, auf andere zu hören, Experimente zu wagen und der Klugheit Gottes zu trauen, der sich auch ‚aus dem Munde von Kindern und Säuglingen ein Lob zubereiten kann.‘

‚Haltet euch nicht selbst für klug‘, das heißt: verschließt euch nicht der Erfahrung des Glaubens an Christus, dass auch das Unmögliche einmal geschehen kann. Siehe: Auferstehung!‘

In der nächsten Kirchenvorstandssitzung kommentiert der ehrenwerte Herr Mensching diese Zeitungsandacht: ‚So geht es ja nicht, Herr Pastor … die Auferstehung ist doch ganz was anderes!‘ Der Pastor lächelt milde und antwortet: ‚Ja. Diese Welt braucht das ‚Ganzwasanderes!‘.

3. Es ist überhaupt nicht das ‚Ganz was anderes‘ im Sinne des ehrenwerten Herrn Mensching, was uns der Apostel Paulus im 12. Kapitel des Römerbriefes schreibt, sondern es ist die Darstellung der Alltagstauglichkeit unseres Glauben – der immer auch Ganz was anderes beschreibt als es die Welt tut  - … es ist die Darstellung der Alltagstauglichkeit des Glaubens an Jesus Christus auch im Jahr 2019. Da ist keine Forderung dabei, die uns überfordern muss …

Ich habe Ihnen diesen Text als Hausspruch getarnt kopiert. Nehmen Sie ihn ruhig mit und hängen Sie ihn neben diese ganz anderen Sprüche, die im Flur als Bild hängen könnten. Auf der Rückseite finden Sie ein Bild, wie der Apostel Paulus vielleicht ausgesehen hat, der den Glauben so ‚logisch‘ macht. Im Jahr 2008 hat ein Historiker Polizeizeichner des Landeskriminalamtes in Wiesbaden gebeten, nach den wenigen Bemerkungen in den neutestamentlichen, apokryphen und den damaligen zeitgenössischen Schriften ein Phantombild des Paulus zu erstellen. Ich fand es Wert, Ihnen das mal zu kopieren. Sieht auch ganz normal aus …

Dass der Glaube an Jesus Christus für uns alle ganz normal werden kann, das wünsche ich mir. Amen   

Lied EG 268, 1 – 5 ‚Strahlen brechen viele …‘

Abkündigungen

Lied EG 373, 1 – 3 + 6 ‚Jesu, hilf siegen …‘

Fürbitten

Vaterunser

Segen